Persönlicher Erfahrungsbericht

Meine wahrscheinlich tollsten Momente und die heute noch als eine Art Schlüsselerlebnis für mich dienen, die ich mit der Sportpsychologie und mentalem Training in Verbindung bringen kann, sind natürlich in meiner Sportart Turnen gewesen, während ich Teil der College Mannschaft der University of Wisconsin La Crosse in den USA war. Zwei Erlebnisse davon möchte ich an dieser Stelle näher beschreiben.
Der eine hat mit echtem Teamgefühl zu tun. Mein Junior Year (3. Jahr) fiel die Wahl des Austragungsortes für die amerikanischen Division III College Meisterschaften auf unsere Uni. Das bedeutete, dass wir nicht nur die Favoriten aufgrund früherer Erfolge waren, sondern auch dass unsere große Fangemeinde von uns nichts anderes als den Sieg „zu Hause“ erwartete. Diese NCGA Championships sind immer ein besonderer Höhepunkt der Saison, aber diesen an der eigenen Uni zu erleben, steigert dies noch um einiges. Kurz vor dem Wettkampf war die Halle brechend voll und wir konnten die Rufe unserer Fans bereits bis in die Gänge hören. Wie immer durchliefen wir unser gewohntes Programm als Team (Teamgesänge, motivierende Ansprachen, etc.) und dann war er da – der Moment, als wir in die Halle kamen. Das Publikum und die Atmosphäre waren unglaublich und eine Gänsehaut jagte die andere. Wer schon einmal das sportbegeisterte Publikum in den USA erlebt hat, weiß was ich meine. Der Druck war immens hoch an uns alle und wir spürten die Anspannung in jedem Muskel. Doch wir wurden von unserer Trainerin super vorbereitet. Immer wieder hatten wir im Training diese besondere Wettkampfsituation simuliert und uns versucht so viel wie möglich in diese Situation rein zu versetzen. Wir haben sehr viel im Team, zu zweit oder in Kleingruppen gesprochen, was unsere Ziele sind, was wir uns vornehmen und wie wir es umsetzen wollen. Auch wenn im Training noch nicht alles 100%ig geklappt hatte, wir waren bereit. Jeder wusste, was seine Aufgabe war und wie er das Team unterstützen konnte, selbst die Ersatzturnerinnen haben Großartiges geleistet. Denn am Ende ist wirklich jedes Team so stark, wie sein schwächstes Mitglied.
Und mit dem Beginn des ersten Gerätes gaben wir unsere Chance nicht mehr her – wir durchliefen den Wettkampf wie im Trance, getragen vom fantastischen Publikum, genossen wir den Moment und erlebten wahrscheinlich das, was die Sportpsychologie „Teamflow“ nennt. Nichts hielt uns auf und jeder nutzte die Leistung des anderen, um sich noch mehr zu steigern und das Beste aus sich herauszuholen. Wir zählten von 24 Übungen an 4 Geräten nur einen Sturz, der als Streichwert einging und legten einen Bestwert nach dem anderen hin. Wir brachen Rekorde und setzten Höchstwertungen. Die Synergie war zum Greifen nah. Es war, als wäre unser Team das Einzige in der Halle gewesen – einfach nur eine unvergessliche Erfahrung, wenn man solche Momente mit dem Team teilen und erleben darf.
Hands togetherDer zweite Moment ist diesem sehr ähnlich und ereignete sich ebenfalls bei den NCGA Championships in meinem 2. College Jahr. Mein Spezialgerät war der Stufenbarren und ich hatte sehr gute Aussichten auf das Finale und eine ganz vordere Platzierung, aber dafür musste ich erstmal eine makellose Übung erturnen. Wie so oft turnte ich an 6. und damit letzter Position, um noch mal wichtige Zehntel für das Team zu holen. In der Qualifikation für diese Championships hatte ich keinen guten Tag erwischt und war gestürzt, aber nun galt es, dass aus dem Kopf zu verdrängen. Mit Magnesia auf den Riemschen lief ich zum Startpunkt für den Angang meiner Stufenbarrenübung. Ich konzentrierte mich auf die bevorstehende Aufgabe und auf meine sehr gute Vorbereitung. Auf einmal wurde es ganz leicht positiv zu denken und ein Gefühl von Sicherheit und Selbstbewusstsein breitete sich aus. In diesem Moment war ich mir zu 100% sicher, dass ich diese Übung hervorragend meistern würde und zwar bis in jedes kleinste Detail (voll ausgeturnte Positionen, eine gute Haltung und bis hin zum Abgang in den genauen Stand). Ich wusste, dass mich nichts und niemand davon abhalten würde, dass ich diese Übung durchturnen würde. Es gab keine Ablenkung und keine negativen Gedanken – vor meinem geistigen Auge lief alles perfekt ab. So etwas hatte ich bis dahin noch nie erlebt, auch in meinen vielen Jahren Leistungssport in Deutschland hatte ich bisher nie so ein Gefühl. Die Übung lief dann tatsächlich so, wie ich es beschrieben habe mit dem Abgang in den perfekten Stand – das war einfach nur der Wahnsinn. Jetzt wusste ich, was es heißt, „über den Dingen zu stehen“ und zum richtigen Zeitpunkt, das abrufen zu können, was man immerzu trainiert. Für diese 30 Sekunden lohnt es sich so hart zu trainieren und soviel zu opfern. Für diese 30 Sekunden ist man das, was man sich immer erträumt hat – sein Bestes! Es war mir vergönnt, noch weitere solche Momente in meinen weiteren Jahren am College zu erleben, aber ich musste es immer wieder trainieren – nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit dem Kopf!

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